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Johann
Sebastian Bach: Johannes-Passion (BWV 245)
Unser großes
geistliches Orchesterkonzert für 2005 liegt hinter uns: Die
"Johannes-Passion" von Johann Sebastian Bach, zusammen
mit namhaften Solisten und begleitet auf historischen Instrumenten.
Die Konzerte
fanden statt
-
am 19.03.2005
um 20:00 Uhr
in St. Mauritius, Frankfurt-Schwanheim
-
am 20.03.2005
um 19:00 Uhr
in der Abteikirche Maria Laach / Eifel
Als Solistinnen
und Solisten standen uns zur Verfügung:
- Anna Sophie
Achilles (Hamburg)
Sie ist dankenswerter Weise kurzfristig eingesprungen
für die angekündigte, aber leider erkrankte Kerstin
Bruns, Sopran (Bad Dürkheim)
- Sibylle
Kamphues, Alt (Freiburg)
- Hans-Jörg
Mammel, Tenor (Freiburg)
- Gerhard
Kern, Bass / Jesus-Worte (Hofheim)
- Christoph
Kögel, Bass / Arien (Frankfurt a.M.)
Begleitet
wurden wir von unserem Barock-Orchester capella cygnea.
Die
Eintrittspreise für Schwanheim: EUR 15,-- und 13,-- (erm.
10,--)
Die Eintrittspreise für Maria Laach: EUR 18,-- / 15,-- /
10,-- (ohne Erm.)
Der
Einlass in Schwanheim erfolgt erst ab 19:00 Uhr;
vorher ist in der Kirche ein Gottesdienst.
Karten
für Schwanheim waren erhältlich im Pfarrbüro von
St. Mauritius, Schwanheim (Tel. 069 / 355679) und im Pfarrbüro
von St. Johannes, Goldstein (Tel. 069 / 6665831).
Karten für Maria Laach waren erhältlich bei Pater Willibrord,
Kloster Maria Laach (Tel. 02652 / 59-266).
Karten und weitere Informationen wie immer auch unter der Telefonnummer
0700 / J-U-N-G-E-R-C-H-O-R (0700/58 64 37 24).
Das Plakat
Unser Plakat,
gestaltet von Thomas Hutsch, gedruckt mit freundlicher Unterstützung
durch die Firma Lonnemann:
Beim
Draufklicken mit der Maus öffnet sich ein neues Fenster mit
einer größeren Version.
Das Programmheft
Lesen
Sie hier die von mir verfasste, kurze Werkeinführung, wie
sie auch im Programmheft abgedruckt war.
Die
Johannes-Passion ist in der Fassung, in der sie heute Abend erklingt,
zu Bachs Lebzeiten nie aufgeführt worden. Das mag Sie zunächst
verwundern.
Bach
hat das Werk zwischen 1724 und 1749 nachweislich mindestens vier
Mal zur Aufführung gebracht. Für eine im Jahr 1739 geplante
Aufführung hatte er sogar mit der erneuten Niederschrift
einer Partitur begonnen, ein Umstand, der darauf hinweist, dass
er erhebliche Veränderungen vorzunehmen gedachte. Offenbar
entfiel jedoch der Aufführungsgrund, denn Bach brach diese
Reinschrift der Partitur nach der Nr. 10 ab. Nichtsdestoweniger
darf diese Partitur zusammen mit einem (sämtliche Nummern
umfassenden) Stimmensatz, der im selben Jahr nach anderen, inzwischen
verschollenen Materialien entstand, als so etwas wie eine "Fassung
aus letzter Hand" gelten, denn das erhaltene Aufführungsmaterial
der letzten Aufführung aus dem Jahr 1749 weist nur noch geringe,
"geschmäcklerische" Unterschiede in der Textierung
einiger Arien auf. So fußt auch die Notenausgabe, die dem
heutigen Konzert zugrunde liegt, auf den Materialien des Jahres
1739.
Bach
hatte für die Komposition der Johannes-Passion im Jahr 1724
prinzipiell nur sechs Wochen Zeit, jene sechs Wochen zwischen
Aschermittwoch und Karfreitag, die wir als "Fastenzeit"
bezeichnen. In diesem Zeitraum durfte in den Leipziger Kirchen
keine Instrumentalmusik erklingen und so entfiel für Bach
die Verpflichtung, für jeden Sonntagsgottesdienst eine Kantate
komponieren, einstudieren und aufführen zu müssen. Bei
der Komposition der Johannes-Passion griff Bach in seiner Arbeitsökonomie
vermutlich auf bereits vorhandenes Material oder doch zumindest
auf bereits skizzierte Ideen aus seiner Weimarer Zeit zurück;
wir wissen es aber nicht genau und können hier nur spekulieren.
Sicher
ist jedoch, dass Bach nach der ersten Aufführung der Johannes-Passion
am Karfreitag 1724 erhebliche Veränderungen an dem Stück
vornahm. Wie immer in Bachs Schaffen waren dies zum Teil von ihm
selbst ausgehende Verbesserungen, zum Teil Anpassungen an veränderte
Aufführungsbedingungen, zum Teil aber auch von außen
an ihn herangetragene Änderungswünsche. So ersetzte
er für die Aufführung am Karfreitag 1725 den großartigen
Eingangschor "Herr, unser Herrscher" durch eine ebenso
kunstvolle Choralbearbeitung über das Kirchenlied "O
Mensch bewein dein Sünde groß"; diesen Chorsatz
wiederum verwendete er einige Jahre später in der Matthäus-Passion
als Abschluss der ersten Teils. Möglicherweise war ihm daran
gelegen, den für das Jahr 1725 in Angriff genommenen all-sonntäglichen
Kantaten-Zyklus mit Choralbearbeitungen nicht zu unterbrechen.
Vielleicht geschah diese Änderung aber auch auf Weisung der
Kirchenobrigkeit, welche die Johannes-Passion in Teilen als "zu
opernhaft" empfand.
Den
Vorwurf der "Opernhaftigkeit" traf wohl auch die Arie
Nr. 13 ("Ach, mein Sinn"), welche die Zerrissenheit
und Ausweglosigkeit des nach der Verleugnung Jesu in eine tiefe
Depression gefallen Petrus in aller Verzweiflung zu schildern
vermag. Diese Arie wurde von Bach für die zweite Aufführung
durch die weit weniger subjektiv getextete und erheblich traditioneller
komponierte Arie "Zerschmettert mich, ihr Felsen und ihr
Hügel" ersetzt.
Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eliminierte Bach
auf Weisung der Geistlichkeit für diese zweite Aufführung
auch die zwei eigens von ihm eingefügten Einschübe aus
dem Matthäus-Evangelium: "Da gedachte Petrus an die
Worte Jesu und ging hinaus und weinete bitterlich" sowie
"Und siehe da: Der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stück...",
zwei Evangelisten-Rezitative, in denen Bachs geniale Begabung,
mit den geringsten technischen Mitteln größtmöglichen
musikalischen Ausdruck zu erzeugen unübersehbar, besser,
unüberhörbar wird.
Überhaupt,
die Beschränkung auf ein relativ kleines Orchester (neben
der obligatorischen Continuo-Gruppe, den üblichen Streichinstrumenten
und zwei solistisch eingesetzten Violen d'amore kommen nur vier
Holzblasinstrumente zum Einsatz; Trompeten und Pauken waren in
der Fastenzeit ohnehin tabu) scheint für Bach - wie so oft
- mit keinerlei musikalischer Einschränkung verbunden zu
sein.
Da
wäre zunächst ein Eingangschor, dessen literarische
Schwäche in geradezu umgekehrtem Verhältnis zur musikalischen
Größe steht. Bach weiß die "Herrlichkeit"
(in Anlehnung an Psalm 8,2) und "Niedrigkeit" des Gottessohnes
ebenso wiederzugeben, wie er mit schmerzhaften Dissonanzen das
Bild eines gequälten und leidenden Menschen zu zeichnen vermag.
Nicht genug damit. Bach gelingt in den wenigen Takten des Orchestervorspiels
eine vollständige Abbildung der göttlichen Trinität:
Die in den Bass-Instrumenten, dem "Continuo" (dem "Fundament
in allen Dingen", wie Telemann schreibt), immer und immer
wiederholten Töne sollen uns eine Ahnung von der Dauerhaftigkeit
und Festigkeit, von der Unendlichkeit Gott Vaters geben. Oben,
im Diskant, die bereits erwähnten scharfen Reibungen und
Vorhalte, die uns das Leiden des Sohnes zeigen. Dazwischen, in
den Streichinstrumenten, eine immerwährende Wellenbewegung,
wie ein Flügelschlagen - nicht von ungefähr möchte
man da an das Wehen des "Mittlers", des Heiligen Geistes
denken.
Auf der anderen Seite gelingt ihm mit exakt derselben Besetzung
ein musikalisch gänzlich anders gearteter Schlusschor, der,
versehen mit einer leicht tänzerischen Note, mit allem Geschehenen
versöhnlich abzuschließen weiß: "Ruht wohl,
ihr heiligen Gebeine, die ich nun weiter nicht beweine":
Alles Leid ist vorbei, die Tränen sind getrocknet, der Leichnam
ist wohl versorgt und zur letzten Ruhe gebracht.
Bach
erweist sich in der Johannes-Passion ein weiteres Mal als Meister
der Großform. Neben der bereits in der Literatur oft erwähnten
spiegelsymmetrischen Anordnung der Chorsätze im zweiten Teil,
wobei textlich sich entsprechende Chöre nahezu exakt die
gleiche Musik benutzen (z.B. "Sei gegrüßet, lieber
Jüdenkönig" - "Schreibe nicht: der Jüden
König" sowie "Kreuzige ihn!" - "Weg,
weg mit dem. Kreuzige ihn!"), gelingt ihm, auf eine noch
subtilere Weise, stückübergreifende Zusammenhänge
herzustellen: So bedienen sich die Arien No. 7 und No. 30 des
gleiche thematischen Materials - die völlig unterschiedliche
Besetzung der Soloinstrumente (hier 1 Gambe, dort 2 Oboen) und
das absolut verschiedene Metrum (Grundtempo) sowie die Platzierung
der Arien am Anfang des ersten und am Ende des zweiten Teils verstecken
die melodische Ähnlichkeit fast vollständig. Allenfalls
die Vergabe der beiden Arien an dieselbe Solostimme, den Alt,
lässt uns an einen roten Faden durch die gesamte Passion
denken. Ganz offenbar wird Bachs Absicht, wenn wir den Text der
beiden Arien betrachten: Hier wird eine unsichtbare Brücke
geschlagen zwischen dem in ein Wortspiel gekleideten Beginn des
Passionsgeschehens ("Von den Stricken meiner Sünden
mich zu entbinden wird mein Heil gebunden") und seinem Abschluss,
der Vollendung des göttlichen Auftrages Jesu in seinem Tod
("Es ist vollbracht - o Trost für die gequälten
Seelen").
Es
gäbe noch viel zu erwähnen, auf so vieles hinzuweisen,
so vielen Dingen, groß und klein, nachzuspüren. Dafür
reicht der Platz an dieser Stelle jedoch bei weitem nicht aus.
Lassen Sie sich in den nächsten zwei Stunden von uns in die
wunderbare Welt der bachschen Musik entführen und gehen Sie
mit uns den Leidensweg Jesu nach. Dann werden auch Sie verstehen,
warum dieses Werk selbst nach fast 300 Jahren nichts von seiner
Faszination eingebüßt hat.
Gestatten
Sie mir zum Schluss eine Anmerkung in eigener Sache. Gewiss ist
dies heute Abend keine gottesdienstliche Veranstaltung, sondern
ein Konzert. Dennoch bitten wir, die Ausführenden, um eine
angemessene Zeit der Besinnung, der Stille, nachdem der letzte
Akkord verklungen ist. Dann dürfen Sie Ihrer Begeisterung
für die (hoffentlich gelungene) Aufführung Luft machen
und dies durch Ihren herzlichen Applaus gerne zum Ausdruck bringen.
Stefan
Dörr
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